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30.01.2010

Lesezeit: etwa 3 Minuten

Großer Empfang für stellv. NPD-Chef Karl Richter im Bayerischen Landtag

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Oder: So wurde das Maximilianeum verteidigt
... und die Demokratie sowieso: Münchner Realsatire am 27. Januar

Großes Kino zur Holocaust-Gedenkveranstaltung am 27. Januar im Bayerischen Landtag. Dort waren diesmal nicht nur der Münchner OB Christian Ude, der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel und die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, als Gäste angekündigt, sondern auch der Münchner BIA-Stadtrat und stellvertretende NPD-Parteivorsitzende Karl Richter. Letzterer ganz offiziell, auf Einladung des Rathauses und des gerade erst gegründeten Münchner NS-Dokumentationszentrums. Sein Bericht liest sich wie eine Live-Schaltung ins bundesdeutsche Absurdistan:

Kurz vor 20 Uhr ganz großer Bahnhof an der Einlaßpforte des Landtags – Blitzlichtgewitter, Nachrichtenagenturen, Kripo in grün und zivil. Die junge Frau in Rot, die die Namensliste abhakt, ist nervös. Eine kreidebleiche Mitarbeiterin des neugegründeten Münchner NS-Dokumentationszentrums ringt um Fassung: „Die sind alle wegen Ihnen da!“ Ein freundlicher graumelierter Herr von der Landtagsverwaltung schiebt sich heran, bittet, an den Journalisten und Sicherheitsleuten vorbei, ihm zu folgen, es geht einen Kellergang hinunter und im Untergeschoß in eine winzige Kammer. Dem Mann stehen Schweißperlen auf der Stirn: die Frau Landtagspräsidentin habe von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht, die Dinge hätten jetzt einen "anderen Verlauf genommen", droben seien 300 Gäste, er bitte doch um Verständnis...

Ein Kripomann steht in Griffweite. Sichert unauffällig.

Die blaßgesichtige Mitarbeiterin des NS-Dokumentationszentrums hastet heran, fahrig und aufgeregt, der Lippenstift ist verrutscht. Sie bringt kaum einen Ton hervor, als ich ihr die Hand gebe und mich für die Einladung bedanke. „Na, dann freue ich mich aber schon aufs nächste Jahr“, sage ich. Unter Blitzlichtgewitter und Polizeibedeckung werde ich wieder nach draußen eskortiert, Interviews, die „Süddeutsche“ ist da, ddp, die Presseleute wollen die offizielle Einladung sehen - was, ich sei sogar eingeladen, wie denn das, und ob ich die Datei gleich noch an die Redaktion mailen könnte und was ich mir denn mit der Aktion gedacht hätte -. „Aber Nazis denken doch nicht“, sage ich.

Die Polizei ist zuvorkommend und sichtlich bemüht, jede Eskalation zu verhindern, fragt, was ich jetzt zu tun beabsichtige, ich sage, ich hätte nur meinen Schlüsselbund dabei, und mit dem würde ich jetzt nicht anfangen, auf jemanden einzuschlagen. Um viertel nach acht bin ich wieder auf dem Heimweg.

Drinnen im Maximilianeum zieht unterdessen die Zentralratschefin alle Register der Empörung und findet anerkennende Worte: „Wir haben es hier mit ernstzunehmenden Feinden der Demokratie zu tun“, die „Agitation des braunen Stadtrats in München sei alarmierend“, der Fall zeige, „mit welcher verwerflichen und aggressiven Strategie die NPD-Tarnorganisation ihr braunes Gedankengut in öffentlichen Gebäuden verbreitet“, zitiert die „Abendzeitung“ tags darauf. Dabei hätte ihr Redebeitrag eigentlich ein Grußwort zum Holocaust-Gedenktag sein sollen.

Landtagspräsidentin Barbara Stamm apportiert prompt. Sie hat, berichtet die AZ im vollen Ernst, „die Polizeipräsenz verstärken lassen und Richters Porträt an alle Mitarbeiter der Pforte ausgegeben“. Nicht auszudenken, was hätte passieren können.

Nachtrag: Trotz des großen Medieninteresses vor dem Maximilianeum folgte in den Tagen danach, mit Ausnahme des kleinen AZ-Artikels, das große Schweigen zu der Realsatire. Das zeigt, wie gut die Gleichschaltung der Medien funktioniert. Da die Presse mit den peinlichen Auftritten von Knobloch, Stamm und Co. nicht umzugehen wußte, ließen die Sittenwächter den Mantel des Schweigens darüber breiten.

Bildnachweis:
©
Frank Rösner / PIXELIO / www.pixelio.de
 

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