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19.04.2007

Lesezeit: etwa 5 Minuten

II. Offener Brief an Seine Exzellenz, Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller

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03.07.2006 An das Bischöfliche Sekretariat z.Hd. Seiner Exzellenz Bischof Müller Niedermünstergasse 1 93 047 Regensburg
I. Offener Brief an Seine Exzellenz, Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller

Sascha Roßmüller
Postfach 18 13
94 307 Straubing


An das
Bischöfliche Sekretariat
z.Hd. Seiner Exzellenz Bischof Müller
Niedermünstergasse 1

93 047 Regensburg

- vorab per Telefax -

Dresden/Rain, den 03.07.06

II. Offener Brief an Seine Exzellenz, Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller

Exzellenz,

man mag kaum vermuten, daß die Pressemitteilung Ihrer „Bischöflichen Pressestelle“ vom 30.06. auf Sie zurückgeht, doch wird dies wohl dennoch der Fall sein. Mit dieser Verlautbarung konnten Sie zwar nicht hinsichtlich der Dialogverweigerung überraschen, weshalb ich von Anfang an die Form des „Offenen Briefes“ wählte, allerdings überraschte mich das jeden intellektuellen Anspruch vermissende niedrige Niveau aus Ihrem Hause.

Nichtsdestotrotz werde ich Ihnen eine Auseinandersetzung nicht ersparen, weshalb ich weiterhin die Form des „Offenen Briefes“ wähle. Denn wenn Sie auch den direkten Dialog scheuen, so werden Sie über kurz oder lang inhaltlich mit den von mir angestoßenen Gedankengängen konfrontiert werden, allein schon, weil es Ihnen nicht gelingen wird, diese Debatte innerhalb Ihrer Kirchenbasis nebst den unteren Würdenträgern zu verhindern. Ihr Verhalten animiert ja geradezu, sich verstärkt an Kirchengemeinden und Bistümer zu wenden, um Ihre polarisierende Art als „Türöffner“ zu eben jenen Dialogen zu nutzen, die Sie zu verhindern bestrebt sind. – Mir sind diesbezüglich sehr wohl vielfältige Möglichkeiten vorstellbar.

Die Reaktionen aus kirchlichen Kreisen, die mich erreichten, waren ein Beleg dafür, daß diese im Gegensatz zu Ihnen sehr wohl zwischen „kirchenkritischen Äußerungen“, wie in Ihrer Pressemitteilung formuliert, und einer vorsichtigen Bewertung Ihres Verhaltens als Bischof zu unterscheiden verstehen. Der Umstand, daß Sie sich, laut selbiger Pressemitteilung, von kritischen Äußerungen und Eingaben „belästigt“ und „bedrängt“ fühlen, muß nicht erst von mir kommentiert werden, dies spricht meines Erachtens für sich selbst.

Die Begründung, die Sie für Ihre generelle, folglich auch mich betreffende Dialogfeindlichkeit anführen, empfinde ich als etwas sehr seltsam. Sie beziehen sich auf zwei unbestritten unappetitliche Parolen, bezüglich derer Sie offenlassen, wessen Ursprungs diese sind, und schreiben sie verallgemeinernd der „Gegenseite“ zu, um dann zur Krönung dessen noch vermittels eines Allgemeinplatzes „demokratischer Grundkonsens“ über die „Form sachlicher Diskussionskultur“ zu philosophieren. Mir ist es bislang trotz intensiver Recherche nicht gelungen, innerhalb des nationaldemokratischen Schrifttums diese oder vergleichbare Parolen auch nur ansatzweise oder im übertragenen Sinne aufzufinden, wohingegen die biblische Berichterstattung nicht immer einem Liebesroman gleicht und dennoch nicht in Bausch und Bogen verworfen wird. Zudem ist es aus Grundsätzen der Logik schon nicht einsehbar, weshalb Sie für eine auf ein Individuum bezogene in der „Ich-Form“ gehaltene Negativparole eine Gruppe in Kollektivhaftung nehmen.

Hinsichtlich des Schlüsselbegriffes „Kollektivschuld“ bin ich beim nächsten Punkt angelangt, der Ihnen als Ausflucht dienen soll. Wir Nationaldemokraten hätten es Ihrer Ansicht nach – um der Diskussion würdig zu sein – versäumt, „Holocaust und andere Verbrechen der Nazis unmißverständlich zu verurteilen“. Ich könnte jetzt feststellen, daß diese Verbrechen tagaus, tagein von nahezu jedermann, der zum politisch korrekten Establishment gehören möchte, dauerverurteilt werden und es unsererseits nicht mehr not tut. – Aber darum geht es gar nicht.

Ich habe entgegen Ihrer Unterstellung überhaupt keine Probleme damit, Verbrechen aus welcher Epoche oder von wem auch immer zu verurteilen, und bin – vielleicht im Gegensatz zu Ihrer kirchlichen Prägung – in keiner Weise doktrinär an bestimmte Zeitabschnitte gebunden. Es geht um die Kritik der Instrumentalisierung und Tabuisierung geschichtlicher Ereignisse. Als Humanist und Menschenfreund müßte es meines Erachtens selbstverständlich möglich sein, sich über jedes nicht umgekommene Menschenleben beispielsweise auch zur Zeit des Dritten Reiches zu freuen. – Dies scheint jedoch heutzutage nahezu unmöglich, ja unter Umständen sogar strafrechtlich relevant. Das allein empfinde ich persönlich als nicht normal.

Keinem Volk und keiner Generation darf aufgrund von Vergehen früherer Generationen das Recht auf die unbeeinflußte Selbstbestimmung seiner Zukunft genommen werden. – Dies muß die Grenze jeglicher Vergangenheitsbewältigung sein, sonst kann keine Gegenwart bewältigt und keine Zukunft gestaltet werden. Singularitäten, verewigende Kollektivschuldthesen und ritualisiertes Canossa-Verhalten rufen jedoch in der Tat ab einem gewissen Punkt meine Ablehnung hervor. Insbesondere Ihnen als Christenhirt müßte es doch beim Thema historischer Aufarbeitung hauptsächlich um den Versöhnungsgedanken gehen. Kommen Ihnen nicht selbst langsam Zweifel, ob immer mehr Sühnemaßnahmen und Distanzierungsübungen bei vergleichbarer Marginalisierung des Vertreibungsgenozids überhaupt noch zumutbar und vor allem im Sinne der Völkerverständigung zielführend sind?

Zur von Ihnen pathetisch übersteigerten Frage, ob in Regensburg „ein Platz für Nazis“ sei, möchte ich Sie nochmals an Ihre Worte zur „sachlichen Diskussionskultur“ erinnern. Sie wissen sicher, daß es „demokratischer Grundkonsens“ ist, legalen Parteien, wie der NPD, die fast 20 Jahre nach den „Nazis“ gegründet wurde, das grundgesetzliche Versammlungsrecht einzuräumen und im Umgang mit politischen Parteien das Gleichbehandlungsprinzip des Parteiengesetzes anzuwenden. Wieviel Sachlichkeit glauben Sie, ist unter diesen rechtsstaatlichen Maßgaben Ihrer Aussage wohl beizumessen?

Abschließend ist es mir noch ein Anliegen, meiner Einschätzung Ausdruck zu verleihen, daß der Heilige Vater Papst Benedikt XVI. ein wesentlich offenerer, mit weit weniger Berührungsängsten ausgestatteter Charakter zu sein scheint. Dies zeigt sich schon daran, daß Ihr „Chef“, seinerzeit noch als Kardinal Ratzinger, und mein „Chef“, Karl Richter als Leiter des parlamentarischen Beraterstabes der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, - beide zeitweise in Regensburg ansässig - gemeinsam im Buch „1848 – Erbe und Auftrag“ des Aula-Verlages publizierten.

Ich bleibe dabei, dem Landesvorstand vorzuschlagen, in Erfahrung zu bringen, wie offen Ihr Gotteshaus Besuchern gegenüber tatsächlich ist.


Mit freundlichen Grüßen
Ihr


Sascha A. Roßmüller
Stellv. Landesvorsitzender Bayern
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