19.04.2007
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Offener Brief an Seine Exzellenz, Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller
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Zur Hauptseite wechseln26.06.2006 An das Bischöfliche Sekretariat z.Hd. Seiner Exzellenz Bischof Müller Niedermünstergasse 1 93 047 Regensburg
Offener Brief an Seine Exzellenz, Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller
Absender
Sascha Roßmüller
Postfach 18 13
94307 Straubing
Dresden/Rain, den 26.06.06
An das
Bischöfliche Sekretariat
z.Hd. Seiner Exzellenz Bischof Müller
Niedermünstergasse 1
93 047 Regensburg
- vorab per Telefax -
Offener Brief an Seine Exzellenz, Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller
Exzellenz Bischof Müller,
wie ich den Medien entnehmen durfte, stehen Sie einem Erscheinen von Nationaldemokraten zu Ihren Gottesdiensten nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Ich erlaube es mir daher, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Aufgeschlossenheit zumindest gegenüber einem Gottesdienstbesuch von führenden Nationaldemokraten bei Ihnen mich insofern in dieser Überlegung bestärkt, da ich vielleicht doch auf das notwendige Maß an Objektivität hoffen darf, welches die Grundvoraussetzung zu einem Nachdenkprozeß darstellt, der geeignet ist, Ihre Ressentiments einer Revision zu unterziehen. Wobei der Umstand eines Gottesdienstbesuches – neben der rein äußerlichen Dokumentation, daß es sich bei einem Nationaldemokraten um keinen Dämon handelt - nur dazu beitragen kann, unsere Bereitschaft aufzuzeigen, Ihnen zuzuhören, ehe wir urteilen. Inwieweit Sie neben Ihrer Predigt, der wohl naturgemäß mehr der Charakter eines Monologs innewohnen wird, auch zu einem Dialog – beispielsweise mit meiner Person - bereit sind, kann ich nicht beurteilen. Von meiner Seite aus stünde dem allerdings nichts entgegen – der Dialog könnte auch gerne ohne die Medien als nicht immer seriösen und nutzbringenden Transmissionsriemen vollzogen werden. Wenn Sie es wünschen, werde ich Ihnen, falls Sie sich inhaltlich-thematisch speziell vorbereiten möchten, vorab bekannt geben, zu welchem Gottesdienst ich evtl. mit weiteren NPD-Funktionären zu erscheinen gedenke.
Ich habe den Eindruck, daß Sie derzeit zwar viel über die NPD bzw. im Zusammenhang mit der NPD stehendes verlautbaren, aber ziemlich wenig bis gar nichts über diese und die sie repräsentierenden Personen wissen. Ich persönlich weiß über Sie auch nicht viel mehr, als ich den Internetseiten des Bistums Regensburg entnehmen konnte, allerdings übe ich mich bislang in meinen Aussagen im Vergleich zu Ihnen etwas in Zurückhaltung, wenngleich ich Ihr gegenwärtiges diesseitig orientiertes politisches Wirken, gelinde gesagt, sehr kritisch beurteile. Überdies bin ich allein schon aufgrund Ihrer Stellung bedacht, nicht unvorsichtigerweise in meiner Kritik die Gefühle Ihrer Glaubensbrüder und –schwestern zu verletzen. Wobei ich jetzt an einem Punkt angelangt bin, den ich leider bei Ihnen vermissen mußte. Sie schienen bei Ihren Aussagen oder Forderungen m.E. vielfach keinerlei Rücksicht darauf genommen zu haben, die religiösen Empfindungen von der Nationaldemokratie nahestehenden Menschen durch Ihre Art der Ablehnung verletzt zu haben. Vielleicht ist Ihnen bisher noch nicht bewußt geworden, daß stetig mehr wertkonservative Bürger, die angesichts einer zunehmenden Islamisierung Europas einerseits und der nach kapitalistischem Muster durchorganisierten individualistischen Kulturform einer Spaßgesellschaft andererseits auf das Christentum bzw. die Institution Kirche gewisse Hoffnungen setzen, sich gleichzeitig von nationaldemokratischen Politikinhalten angezogen fühlen.
Diejenigen, welchen die einschneidenden - nicht zuletzt durch überfremdungsbedingten Identitätsverlust herbeigeführten - kulturellen Veränderungen des mitunter auch maßgeblich von den christlichen Kirchen mitgeprägten europäischen Abendlandes als keine wünschenswerte Zukunftsvision erscheinen, sehen häufig keinen Widerspruch in ihrer Glaubensausübung und dem politischen Engagement innerhalb der NPD. Wie viele derer glauben Sie, die ein traditionelles Familienbild leben und sich strikt gegen den Abtreibungsholocaust wenden, engagieren sich ebenfalls an beiden Fronten, innerhalb der Kirchengemeinde und innerhalb der nationaldemokratischen Partei?
Die konfessionelle Ausrichtung ist nicht das wesentliche Moment hinsichtlich eines nationaldemokratischen Engagements, aber im Widerspruch zur (katholischen) Kirche steht es ebenfalls nicht sowie es dieser in der überwiegenden Zahl der Fälle auch an Idealismus und Opferbereitschaft nicht nachstehen wird.
Bei allem Respekt vor Ihrer eigenen Meinung, ganz unabhängig davon, wie fundiert oder auch wie wenig fundiert sie sich auch gebildet haben mag, haben Sie mit Ihrer Forderung nach einem Verbot der NPD meiner Ansicht nach den Bogen überspannt, und zwar auch hinsichtlich Ihrer eigenen Demokratiefähigkeit. Schließlich ist niemand gezwungen, sich für die NPD zu entscheiden und/oder diese zu wählen! Mit Ihrer Verbotsforderung sprechen Sie aber einer Beschneidung der für den Meinungs- und Willensbildungsprozeß notwendigen Grundlage das Wort, durch die das Spektrum der Entscheidungsmöglichkeiten eingeengt würde. Eine restriktive Forderung mit derart weitreichenden Folgen sollte gerade in Ihrer Position nicht leichtfertig geäußert werden, zumal wenn – wie ich vermute – kaum Kenntnis über das Wollen der NPD vorliegt. Mit uns anstatt nur über uns zu sprechen, könnte dem natürlich Abhilfe leisten.
Da ich allerdings nicht weiß, ob es zu einem Gespräch zwischen Ihnen und mir kommen wird, erlaube ich mir abschließend noch einige kurze Sätze zu meinem/unserem nationaldemokratischen Wollen anzufügen, die ich Sie eindringlich im Sinne von Wahrheit und Klarheit ersuche, Ihren „Mitdemonstranten“ künftig kundzutun, da diese ja wissen sollten, wogegen Sie mit Ihnen ins Gebet einstimmen – oder vielleicht auch nicht.
Über das Anerkennen der Identität als eines Wertes an sich muß gegenüber einem Diener der Schöpfung trotz der großen Bedeutung für die soziale Stabilität eines Gemeinwesens nicht eingehender referiert werden. Von primärem Interesse dürfte für einen Glaubensmann der katholischen Soziallehre jedoch die materielle Gerechtigkeitsfrage, dessen, was nicht für´s Himmelreich ist, sein.
Worum geht es in der sozialen Frage für Deutschland heute? Doch in erster Linie darum, sein Gesellschaftsmodell und seine Wirtschaft selbstbestimmt organisieren zu können, ohne einem vom eigenen nationalen Willen unabhängigen Anpassungsdruck entsprechen zu müssen, der von supranationalen Institutionen resultiert, die zumeist zweckorientiert am Kapitalsektor ausgerichtet sind. Dadurch wurde die Rendite in den Mittelpunkt des Handelns gestellt, woraus sich zwangsläufig ein substanzverzehrender Verdrängungsmechanismus mit einhergehender „Gigantosklerose“ einer alle Lebensbereiche dominierenden Ökonomie entwickelte. Dies ließ zum einen die sogenannte soziale Schere immer weiter auseinanderklaffen und machte zum anderen nicht einmal vor den für die Daseinsvorsorge relevanten Bereichen halt. Nachdem die globalisierten Märkte ihres nationalen Zaumzeuges entledigt sind, sind sie nichts und niemandem mehr unterworfen, d.h. sie entwickelten eine Autonomie, die losgelöst von jeglicher traditioneller soziokultureller Willensbildung und Gerechtigkeitsvorstellung existiert. Um hier die Rückkopplung zu Volk und Land wiederherzustellen und ein nachhaltiges, sich selbst tragendes sozioökonomisches Geflecht zu reorganisieren, bedarf es eines korrigierenden Regulativs, das die entscheidenden Bereiche, die notwendig sind, um im Bedarfsfalle Marktversagen zu korrigieren, sozialisiert. Dies erfordert allerdings das Primat der Politik über die Wirtschaft im Sinne von sozialer Gerechtigkeit. Doch mit dem weltlichen Primat der Politik hatte die Kirche in ihrer Geschichte durchaus gewisse Akzeptanzprobleme. – Vielleicht ist in unserem Disput sogar an dieser Stelle der historische Ungeist zu suchen?
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Sascha A. Roßmüller
Stellv. Landesvorsitzender Bayern